Das Dreiseental

 
Tief im Odenwald liegt das Dreiseental. Von früheren drei Seen ist nur noch einer zurückgeblieben. Ein kleiner, heller Bach schießt durch ihn; in seinen Wellen jagt blitzschnell die Forelle, krabbelt gravitätisch der Krebs. Blaue und grüne Libellen tanzen um den See; die Käfer schnurren und brummen und machen dem alten Weinschröter, der in der dicken, großen Eiche Residenz hält, ihre Aufwartungen. Wenn sie recht fleißig kommen und sich nach dem Befinden des vornehmen Herren erkundigen, erhalten sie ein Körnchen Moder; das gilt bei ihnen so viel wie ein hoher Orden.
 
 
Zuweilen flattert ein Trauermantel vorbei und küßt die weiße Lotosblume in ihren grünen, breiten Blättern, daß sie sich schämt und rot wird, obgleich es die Blume innerlich recht freut. Die dunklen Tannen und das Laubholz nicken verständnisvoll dazu und in dem leisen Rauschen und Brausen hört man, wie die Bäume über Blume und Schmetterlinge lachen. Sie sind eben keine Naturen!
 
Herrliche Stille herrscht rund um den See; gegen Abend tritt das Reh mit seinem Kitz auf die Wiese heraus. Es wendet den feinen Kopf nach allen Seiten und erlaubt dann seinem Kleinen herumzuspringen. Wenn ein Hase eilig vorüber rennt, und so lustige Sätze macht, daß man die weiße Wolle seines Bauches sieht, oder das dürre Laub raschelt, schüttelt das alte Reh beruhigend den Kopf; das Junge brauche sich nicht zu fürchten und dürfe im Mondschein weiter spielen.
 
Vor vielen, vielen Jahren lebte in jenem Tale der alte Herr vom Odenwald, zuweilen auch Odin genannnt, ein mächtiger, gewaltiger Fürst, dem alle Welt und sämtliche Geister gehorchen mußten. Sein herrliches Schloß mit vielen eckigen und runden Türmen und buntbemalten Fenstern stand genau auf der Stelle, wo jetzt der See sich ausbreitet. Die Fußböden bestanden aus weißem Marmor, die Wände hatten die kleinen Gnomen aus Erz hergestellt; das leuchtete und funkelte, daß es eine Pracht war. Und mitten im Schloß befand sich ein großes, rundes Gemach, ganz aus Gold; die Decke blau, mit Diamanten und Perlen besetzt, welche wie die Sterne am Himmel strahlten. Dort wohnte die Tochter des alten Herrn vom Odenwald, Frieda, die er über alles liebte. Bei ihrer Geburt hatte der vorsorgliche Vater alle guten Geister eingeladen, von denen jeder ihr ein Patengeschenk gegeben; aber der kluge, alte Herr vergaß auch nicht, die bösen zu einem Glase Wein zu bitten, und da diese sonst sehr schlecht behandelt werden, fühlten sie sich nicht wenig geschmeichelt, und schwuren, daß keiner von ihnen der kleinen Frieda je etwas zu leide tun dürfe.
 
Frieda war das glücklichste Kind auf der Welt, du vielleicht ausgenommen. Den ganzen Tag spielte sie auf der Waldwiese; die Schmetterlinge flatterten zu ihr, um sich greifen zu lassen, der Sonnenschein küßte ihr goldenes Haar, die Vögel schmetterten, und wohin ihr leichter Fuß trat, brach eine Knospe zur duftenden Blüte auf. Und des Abends, wenn sie in ihrem Bettchen lag, schlug die Nachtigall aus dem weißen Holunderstrauch so lieblich und sanft, daß Frieda gleich die großen Augen zuschloß und einschlief. Dann kamen die Elfen vom Walde und die Frau Wassernixe hereingeschlüpft, tanzten umher und erzählten wunderbare Märchen. Je größer und älter Frieda wurde, desto schöner und besser wurde sie. Wenn es einem Menschen recht traurig und trüb ums Herz war, und er begegnete Frieda im Walde und sah in ihre dunkelblauen Augen, da zog mit einem Mal neue Lust und Frieden in seine betrübte Seele.
 
An einem wunderschönen Sommerabend saß Frieda vor dem Schlosse; ein leiser Wind streifte durch die Gräser und Halme; die blauen Glockenblumen läuteten, die Vergißmeinnicht nickten, die Rosen dufteten. Ein wilder Schwan zog vorüber, der Sonne zu. Ein Pfeil hatte ihn getroffen, daß er sterben mußte. Er jubelte sein Todeslied in die Lüfte. Frieda horchte. Die wehklagenden Töne drangen ihr seltsam ins Herz. Nun schwieg der Vogel und sank sterbend zur Erde; mit ihm verblichen die letzten Strahlen der rotgoldenen Sonne.
 
Da rauschte es im Laub und ein schlanker Mann trat aus den Büschen; er trug einen Bogen in der Hand; ein Messer hing an seiner Seite. Als er Frieda erblickte, nahm er den Hut mit der großen Reiherfeder ab; das Mädchen nickte auf seinen Gruß freundlich, er ging zu ihm und erzählte, daß er sich verirrt habe und bat um ein Nachtlager. Frieda führte ihn in das Schloß; der alte Herr vom Odenwald aber machte ein ernstes Gesicht, als er seinen Gast angesehen; er hatte nämlich einen kleinen, roten Flecken an seiner Nase entdeckt, der ihm gar nicht sonderlich gefiel. 
 
Vor langen Jahren hatte der Schenk des Schlosses einen ähnlichen Flecken gehabt, und nun glänzte seine Nase so rot wie Kupfer. Noch ernster wurde der alte Herr, als er merkte, wie seine Tochter großes Gefallen an dem Fremdling fand, wie sie ihm gern zuhörte und immer nach seinen Augen blickte. Als aber der Jäger zu Bett gegangen war und Frieda ihren Vater verließ, ohne ihm einen Gutenachtkuß zu geben, da schüttelte der alte Herr betrübt das Haupt, denn er wußte, daß nun die Freude seines Lebens zu Ende sei. Und er hatte recht. Nach ein paar Tagen sagte der Jäger, er sei der Herr von Rodenstein und wolle Frieda heiraten. Den Bitten seiner Tochter gab der alte Herr endlich nach, schenkte ihnen das Schloß und zog tief in den Wald, wo er eine Sommerburg besaß.
 
Am Anfang der Ehe ging alles gut; nach einiger Zeit aber zeigte es sich, daß der rote Flecken nicht gelogen hatte. Der Herr von Rodenstein trank immer mehr und mehr. Das hatte seinen guten Grund. Der Schenk des Schlosses wollte selbst Frieda heiraten, war aber abgewiesen worden und suchte sich nun selbst zu rächen. 
 
Er gab seinem neuen Herrn recht viel durstige Speisen zu essen, Heringe und dergleichen, daß sein Durst immer gewaltiger wurde. Wenn er dann tüchtig getrunken hatte, fing der Schenk an, Böses über Frieda zu reden. Er war ein schlauer Mann und wußte es so einzurichten, daß im benebelten Hirn des Herrn von Rodenstein ganz allmählich der Gedanke aufstieg, er habe sich mit der Heirat übereilt, seine Frau sei eigentlich kein menschliches Wesen und passe gar nicht zu ihm. Er wurde immer zorniger auf Frieda; wenn sie ihn bat, nicht so viel zu trinken, zankte er und ging in seinem Ärger zum Fasse, von welchem er nicht mehr weggebracht werden konnte, als bis es leer war. In einer solchen Stunde flüsterte ihm der Schenk zu, er solle sein Weib töten, dann könne er trinken, ohne je einen Vorwurf zu hören. Mit einem gewöhnlichen Pfeil sei Frieda nicht zu verwunden, weil sie eine Hexe wäre; er müsse einen Mistelzweig nehmen. Der Rodensteiner schaute ihn mit gläsernen Augen an; dann rief er: „Die Hexe soll sterben“, nahm den Pfeil und schwankte den Keller hinauf.
 
Frieda saß auf der Wiese, wo sie ihren Gatten zum ersten Mal gesehen. Wieder war es Sommerabend, wieder schlugen die Nachtigallen, wieder dufteten die Rosen. Aber die Augen der Frau waren trübe; sie dachte des entschwundenen Glückes ihrer Jugend. Da bogen sich die Zweige eines Busches auseinander und das weingerötete Gesicht des Herrn von Rodenstein schaute hervor. Frieda wollte auf ihn zugehen; er aber rief: „Berühre mich nicht, hinterlistige Hexe“, hob den Bogen und schoß. Der Pfeil traf das Herz und ohne Laut sank Frieda tot auf den Boden.
 
Da zuckte die Erde, es dröhnte wie tausend Donner, und ein Feuerstrom schlug bis zum Himmel empor. Die Sonne verlöschte und schwarze, unheimliche Wolken schoben sich dick zusammen. Die Eulen schrieen, die Raben krächzten, ein furchtbarer Sturmwind brauste. Auf ihm jagte der Herr vom Odenwald einher; sein schwarzer Mantel flatterte in den Lüften: in seiner Hand trug er die Blitze. Vor ihm her schossen zwei Wölfe; von ihren roten Zungen floß Blut herab und wohin es tropfte, entstand Brand und dann eine öde Sandwüste.
 
Dem Rodensteiner fiel der Bogen aus der Hand; er war plötzlich nüchtern geworden. Der alte Herr vom Odenwald warf sich über die Leiche seines einzigen Kindes und zog den Pfeil aus der Brust. Drei Tropfen Blut fielen zerstreut in das Tal. Und er küßte ihren bleichen Mund und streichelte das blonde Haar. 
 
Dann winkte er und die Elfen flogen herbei und trugen ihre tote Herrin in das tiefste Dunkel des Waldes, wohin kein menschlicher Fuß kommen darf. Hier begruben sie Frieda; weiße Rosen blühten dort und die Nachtigall schlägt traurig schöne Weisen.
 
Zum Rodensteiner aber sagte der alte Herr vom Odenwald: Meine Tochter war bestimmt, der Welt den Frieden zu bringen. Du hast sie gemordet und so wird sich die Menschheit tausend und aber tausend Jahre einander töten, wie du deine Gattin getötet hast. Darum sei verflucht, daß du nicht sterben kannst, bis du die glückliche Zeit gesehen, welche durch deinen Mord in weite Ferne gerückt. Steige jedesmal aus deinem Grabe, wenn Krieg die Welt erfüllen wird und verkünde ihr, daß wieder Blut fließen muß. Drei Tropfen fielen in dieses Tal; aus ihnen sollen drei Seen entstehen; so lange sie nicht vertrocknet sind, mußt du reiten und soll der Mord in der Welt nicht enden. Erst wenn der letzte See versiegt ist, darfst du im Grabe ruhen und Frieda wird zu neuem Leben entstehen.
 
Der alte Herr vom Odenwald hüllte sich in den schwarzen Mantel und sprang auf sein Sturmroß; die Blitze krachten, alte Tannen und Eichen zersplitterten. Das Schloß versank. Am anderen Morgen glänzten drei tiefe Seen in dem stillen Tale!
Im Laufe der Jahrhunderte sind zwei von ihnen versiegt. Aber noch immer tobt der Rodensteiner durch die Luft. Die Menschheit ist noch nicht zur Vollendung gereift. Noch ein See lacht im Sonnenschein. Wann wird er versunken sein? Vielleicht bald, vielleicht in fernen, fernen Zeiten. Frage den Trauermantel danach, welcher über die Lotosblume gaukelt. Er kennt das Grab Friedas: Vielleicht gibt er die Antwort, welche ich nicht weiß!