Robert Gerkenner

Seit mehr als 100 Jahren ist die Geschichte des Türkenhannes ein Bestandteil der Literatur des vorderen Odenwaldes. Lange Zeit war nicht klar, wann und wo diese Geschichte zum ersten Mal erschienen ist. Robert Gerkenner ist ein Pseudonym. Wer sich genau dahinter verbirgt, lässt sich nicht mit Gewißheit sagen. Die Geschichte von Türkenhannes wurde in mehreren Fortsetzungen in der „Starkenburger Provinzialzeitung“ in Dieburg abgedruckt. Der erste Teil der Serie erschien am Mittwoch, den 14. Dezember 1904, in der Nummer 147 der Zeitung. Nach der verlorenen Schlacht bei Dettingen/Main, am 27. Juni 1743, dessertierten viele französische Söldner. Für sie galt es, die eigene Haut zu retten und fortan ihr Dasein zu fristen. Sie schlossen sich mit Dieben, Spitzbuben, Vaganten und Räubern in Banden zusammen und zogen marodierend durch das Land. So eine Gruppe hatte sich in das Umstädter Umland abgesetzt. Das Gebiet hier muss einen starken Anreiz auf Ganoven ausgeübt haben, denn ein paar Jahrzehnte später war hier, unter anderem, auch der legendäre Räuberhauptmann Schinderhannes aktiv. In Semd lagerte er zweimal mit Teilen seiner Bande. Dabei verkaufte er im Linksrheinischen gestohlene Pferde an jüdische Händler in Dieburg und Habitzheim. Ein paar Jahre später wurde ein spektakulärer Überfall in Lengfeld verübt. In der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1807, überfielen etwa 30 bis 40 Räuber aus dem Raum Frankfurt und Offenbach das Haus des Oberamtsunkostenempfängers Johann Jakob Walter und erbeuteten dabei 2300 Gulden. Von Dettingen aus waren die wohlhabenden Dörfer und Bauernhöfe in der Reinheimer Senke und im Umstädter Umland in einem Tagesmarsch zu erreichen. Hier trieben die Banden ihr Unwesen. Die mit Mauern und Türmen geschützten Städte wie Umstadt, Babenhausen, Dieburg und Reinheim wurden nicht behelligt. Lohnende Ziele waren daher allein stehende Höfe und Mühlen wie z.B. die Heyden- und Bundenmühle bei Lengfeld. Man kann annehmen, daß hier eine kleine Bande mit einen Hauptmann, der den Namen „Türkenhannes“ trug, ihr Unwesen trieb. Darüber entstanden Geschichten, die mündlich weitergegeben wurden und dabei der Phantasie freien Lauf ließen*). 150 Jahre später schrieb Robert Gerkenner die Legenden, die sich um den „Türkenhannes“ gebildet hatten, auf. Gerkenner konnte dabei keinen historischen Ablauf des Türkenhannes-Geschehens geben. Das war nicht möglich. Er hat, um einen sehr dürftigen historischen Kern, eine mit viel lokaler Orts- und historischer Sachkenntnis ausgestattete Geschichte erfunden. Es ist also kein historischer Bericht über eine Räuberbande. Es ist eine gut gemachte „Story“ ganz im Zeichen ihrer Zeit, denn in der „Wilhelminischen Ära“ war es durchaus üblich, literarisch verklärende Darstellungen von Ereignissen und Personen zu schreiben. 1905, also nur ein Jahr später, erschien eine weitere Geschichte von Robert Gerkenner. „Am Heidestock“ wurde ebenfalls in mehreren Fortsetzungen in der „Starkenburger Provinzialzeitung“ gedruckt. „Am Heidestock“ hat den Untertitel „Erzählung aus schweren Tagen des Odenwaldes“. Gemeint ist hier die Zeit, als die Franzosen Mainz besetzten (1793). Gerkenner erzählt die Geschichte des königstreuen Martin Bernier, der desertierte um sich den mit Deutschland verbündeten österreichischen Truppen anzuschließen. Dabei verschlägt es ihn den Odenwald. Auch diese Erzählung ist eine „Story“, ganz im Geist der damaligen Zeit. Gerkenner verfügte über ausgezeichnete Geschichts- und Ortskenntnisse. Er erzählt eine Geschichte mit fiktiven Personen und frei erfundener Handlung, die er geschickt mit den historischen Ereignisse und Orten verknüpft. Während der „Türkenhannes“ schon seit gut 100 Jahren zur Literatur des vorderen Odenwaldes gehört, war mir die Erzählung „Am Heidestock“ gänzlich unbekannt. Bei einer Recherche im Zentralarchiv der Deutschen Antiquariate habe ich diese Geschichte zufällig entdeckt. Es gab noch ein Exemplar der Broschur von 1934, das ich dann erworben habe. Weitere Veröffentlichungen von Robert Gerkenner habe ich, trotz intensiver Recherchen, keine mehr gefunden. Unter dem Titel „Odenwaldgeschichten“ werden jetzt die beiden Geschichten von Robert Gerkenner zum ersten Mal zusammen veröffentlicht. Die Originalausgaben wurden in der damals üblichen Frakturschrift gedruckt. Diese Schrift ist nicht so einfach lesbar. Deshalb wurde alles neu gesetzt. Dabei wurden so gut wie keine Veränderungen am Text vorgenommen. Nur ganz wenige alte, nicht mehr gebräuchliche Wörter, wurden durch neue ersetzt. Die alte Rechtschreibung wurde beibehalten.

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